Chemie

Per se ist die Agro-Chemie nicht nur schlecht, wie diese gemeinhin von Biosuperknospenplus-Fanatiker mit Inbrunst verkündet wird. Wie viele Hungersnöte konnten nur dank dieser Chemie verhindert werden? Die Weltbevölkerung könnte ohne die Hilfe der Chemie und deren Erzeugnisse nicht ernährt werden! Das muss jetzt einmal einfach niedergeschrieben werden!
Auf den Weinbau bezogen stehen natürlich vor allem die Pestizide und die mineralischen Dünger im Fokus.

Den Winzern ging es in der Vergangenheit und geht es auch in der Gegenwart darum, möglichst keine Ernteausfälle zu haben und im Herbst gesundes und genügend Traubengut zu ernten, um eine Basis für gute Weine zu haben. Als nach den 2. Weltkrieg die Chemie nach und nach solche «Hilfsmittel» entwickelte, war man sehr froh darum. Kam man doch aus einer höchst unsicheren, arbeitsintensiven und sehr entbehrungsreichen Zeitspanne heraus.Als die ersten Herbizide auf den Markt kamen, lösten diese eine wahre Revolution aus. Aufgrund ihrer Wirksamkeit und der einfacheren und schnelleren Anwendung verdrängten sie die meist händisch auszuführende Bodenbearbeitung und schränkten zugleich auch die Bodenerosion im Rebberg ein.


Die Winzer frohlockten, die Erntemengen konnten zudem dank dem zusätzlich ausgebrachten mineralischen Dünger gesteigert werden. Das Hacken im Rebberg verschwand beinahe, kein Pilzbefall war zu vermelden und auch alle Läuse uns sonstiges Ungeziefer und Insekten im Rebberg waren sozusagen Schnee von gestern.

Ein paar üble Ausrutscher, die teilweise ganze Weinregionen erfassten, gab es aber schon. Dies sicherlich aus Mangel an Erfahrung beim (übermässigen?) Einsatz des einst hochgelobten Pestiziden-Trios.


Man hat damals wohl die Nebenwirkungen dieser chemischen Keulen nicht erkannt und auch die negativen Auswirkungen auf Mutter Natur ausser Acht gelassen. Es fehlten
schlicht und einfach die Erfahrungen. Deswegen aber die Vergangenheit des Weinbaus einfach als Sündenfall zu verurteilen, ist überhaupt nicht angebracht!

In Kürze nun das Trio Infernale vorgestellt. Die Herbizide töten alle Pflanzen ab, die als Unkraut angesehen werden. Dabei kommen natürlich auch die, im Rebberg eigentlich nützlichen Pflanzen, unter die Räder und sterben ab. Herbizide können selektiv, also nur auf bestimmte Pflanzenarten oder auf fast alle Pflanzen wirken. Ein solches Breitbandherbizid ist auch das viel kritisierte Glyphosat.


Wenn Sie also einen Rebberg erspähen, in dem kein Gräschen mehr gedeiht ...
Durch das Abtöten aller Pflanzen, ausser der Reben natürlich, ist es folglich auch um das Nahrungsangebot für Insekten geschehen. Dies führt zur Abwanderung dieser oder gar zum Insektensterben, was im Weiteren die Vogelwelt ärgert. Die Artenvielfalt im Rebberg nimmt ab und das Gleichgewicht der Natur gerät ins Wanken.

Die Fungizide sind Pflanzenschutzmittel, die gegen die verschiedenen Pilzarten eingesetzt werden. Typische Pilzkrankheiten sind Apfelschorf und der echte wie auch der unechte Mehltau. Die Fungizide sorgen dafür, dass Ernteausfälle durch Pilzbefall, die früher häufig zu Hungersnöten führten, heute nicht mehr vorkommen. Im Prinzip eine gute Sache, nur die Nebenwirkungen für die Umwelt und den Menschen sind nicht von der Hand zu weisen.

Die Insektizide verwendet man, um die Insekten im Rebberg zu minimieren. Dass dabei leider auch den nützlichen Insekten der Garaus gemacht wird, ist eine sehr leidige Tatsache. Vor allem die Bienen, die für unser Ökosystem so wichtig sind, werden in arge Mitleidenschaft gezogen. Laut Studien ist die Insektenpopulation seit den frühen 90er Jahren um über 70 % zurückgegangen. Dies bezieht sich auf den Grossraum Mitteleuropa.
Dies unsere kurzen Erklärungen zu den drei meistbenutzten Pestiziden im Rebberg.

Die Frage, warum diese eingesetzt wurden und teils auch immer noch werden
im folgenden Abschnitt. Die Bodenpflege im Rebberg war schon immer einer der wichtigsten Parameter im Rebbau. Die Winterbegrünung war schon den Römern bekannt.
Eine Begrünung während der Wachstumsphase galt jedoch allgemein als schädlich für die Reben, da viele der Nährstoffe im Boden diesen Gräsern und Blumen zugute kam - und nicht den Reben. So war die händische und später die mechanische Bodenbearbeitung lange Zeit das Mittel der Wahl. Die Winzer waren mit Hacken und Jäten mehr als nur ausgelastet.
Leider bleibt die Verwendung von Herbiziden nicht ohne Auswirkungen auf die Umwelt und die Fruchtbarkeit des Bodens. Diese Tatsache spricht für die Anwendung und die Weiterentwicklung von alternativen Methoden, wo immer diese auch möglich sind.


Auch die Entwicklung der Fungizide war ein Segen für die Winzer. Vor allem den hartnäckigen Mehltau-Arten konnte so endlich Einhalt geboten werden. Der echte Mehltau ist ein sogenannter Schönwetterpilz, das heisst, er bildet sich bei Wärme und Trockenheit. Zu erkennen ist er als abwischbarer, weisser, später schmutzig-bräunlicher Belag auf den Blattoberseiten und auf den Blüten. Die Blätter werden braun, vertrocknen und sterben ab. Somit ist die Zuckerbildung in den Trauben nicht mehr möglich.


Der falsche Mehltau ist ein "Schlechtwetterpilz", er liebt die Feuchtigkeit und kühlere Temperaturen. Das Schadbild unterscheidet sich von dem des echten Mehltaus: Beide Blattseiten werden befallen. Der weisse Belag zeigt sich auf der Blattunterseite, ausserdem bildet sich dort meist ein grauer oder grauvioletter Pilzrasen. Auf der Blattoberseite sind Aufhellungen oder gelbliche Flecken zu erkennen. Das Blatt stirbt ab und die Zuckerbildung ist somit nicht mehr möglich.


Bevor die chemische Industrie Fungizide in verschiedenster Form liefern konnte, ging man gegen den echten Mehltau mit einer Schwefelkalklösung vor. Gegen den, vor allem in Europa weit verbreiteten falschen Mehltau, wurde die sogenannte Bordelaiser Brühe eingesetzt. Diese Kupferkalkbrühe war das erste erfolgreiche Fungizid. Es handelt sich dabei um eine Mischung von gebranntem Kalk in einer wässrigen Kupfersulfatlösung. Die Entdeckung dieser Brühe, die übrigens immer noch für den biologischen Rebbau in gewissen Ländern, darunter auch die Schweiz, erlaubt ist, war rein zufällig.


Pierre-Marie Alexis Millardet war Botanikprofessor an der Universität Bordeaux. Auf der Suche nach einem Mittel gegen den falschen Mehltau bemerkte er, dass im Rebberg von Château Dauzac alle Reben vom Mehltau befallen waren ausser die, die am Wegrand standen. Auf die Frage, wieso diese Trauben so unappetitlich aussähen aber dafür keinen Mehltau Befall hatten, gab ihm Ernest David, der damalige Direktor von Château Dauzac die Antwort, dass sie diese Rebenzeilen entlang des Weges mit einer Mischung aus Vitrol und Kalkmilch besprüht hätten, um durch ihr unappetitliches Aussehen und den unangenehmen Geschmack die Spaziergänger vom Stehlen der Trauben abzuhalten. Millardet stellte daraufhin weitere Versuche an (hauptsächlich in den Rebbergen vom Chateau Dauzac im Margeaux und veröffentlichte 1885 mehrere Schriften, in denen er die Bordeauxbrühe als geeignetes Mittel zur Bekämpfung des falschen Mehltaus empfahl.


Zu den Insektiziden ist zu sagen, dass man damals die nützlichen Kleinlebewesen in den Weinbergen nicht erkannte. Der Zusammenhang der Biodiversität war nach den Kriegsjahren nicht unbedingt das Thema Nummer eins.  Man kannte aber die Schädlinge unter diesen Kleinlebewesen. Also entledigte man sich dieser in globo mittels Einsatzes von Insektizid und Ruhe war!


Ein weiterer und letzter «Bösewicht» aus der Chemie Küche war der sogenannte Kunstdünger. Schon zum Anfang des 19. Jahrhunderts erkannte man, dass Stickstoff den Pflanzenwuchs beschleunigt und die Erntemengen merklich vergrössert. Der sogenannte Mineraldünger wurde als erstes aus Guano, einer Substanz, die sich in den Exkrementen von Seevögeln befindet, gewonnen. Da die natürlichen Vorräte an diesem mineralischen Dünger begrenzt waren und zudem grösstenteils aus Südamerika eingeführt werden musste, beschloss man sich auf eine Methode, Stickstoffverbindungen synthetisch zu erzeugen.


Zwischen 1905 und 1908 entwickelte der Chemiker Fritz Haber die katalytische Ammoniak-Synthese.  Dem Industriellen Carl Bosch gelang es daraufhin, ein Verfahren zu finden, das die massenhafte Herstellung von Ammoniak ermöglichte. Das nach diesen beiden Personen benannte Haber-Bosch-Verfahren ist bis heute die Grundlage der Produktion von synthetischem Stickstoff-Dünger.

Die Reben nehmen den Stickstoffdünger in Form von Nitraten auf. Entscheidend ist der sorgsame und bedarfsgerechte Einsatz. Stickstoffüberschüsse können Wasser- und Land-Ökosysteme belasten sowie Klima, Luftqualität und die Biodiversität beeinträchtigen.
Eine Überdüngung der Böden, wie sie zu Zeiten der Massenweinproduktion in den 1960er und 1970er Jahren die Regel war und auch heute noch in einigen Gebieten üblich ist, führt zwar zu einer Steigerung der Traubenerträge, aber auch zu gravierenden Folgeproblemen. Die Zuckerwerte verringern sich durch erhöhte Traubenproduktion. Die Trauben reifen verspätet oder unvollständig. Die Säurewerte können sich absenken. Vor allem werden die Reben anfälliger gegen Krankheiten. Ist die Überdüngung einmal geschehen, braucht es Jahre, ja beinahe ein Jahrzehnt, bis sich eine Balance im Boden wieder einstellt.

Es ist festzuhalten, dass diese Erzeugnisse der chemischen Industrie, vorausgesetzt richtig eingesetzt, durchaus auch ihre Vorteile haben. Es versteht sich von selbst, dass diese «Hilfsmittel» nur eingesetzt werden sollen, wenn dies auch nötig ist. Die Chemie half so vielen, ihr Überleben zu sichern und ermöglicht auch, dass Milliarden von Menschen unseres Planeten täglich wenigstens eine Schüssel Reis oder ein paar Kartoffeln zum Essen haben! Bedenken wir dies zuerst einmal, anstatt immer nur über Dinge zu wettern von den die wenigstens von uns eine Ahnung haben!

Die Zeit wandelt sich und so auch die Herausforderungen und die Ansichten. Das ist gut so und auch höchste Zeit. Dies erkannte die Agrochemie schon vor geraumer Zeit und trieb die Forschungen in eine umweltverträgliche Richtung an vorderster Front voran. Denn eins ist klar, die Schädlinge werden bleiben, vielleicht kann man diese etwas eindämmen, verschwinden werden diese aber nie. So wie bei uns Menschen es gibt gute und eben auch andere...