Die Reblaus

Den Bericht über die Reblaus zu schreiben gestaltete sich im Nachhinein um einiges schwieriger als erwartet. Im Internet ist vieles darüber zu finden, das meiste ist jedoch völlig unbrauchbar, da zu lesen ist, dass die Reblaus von Amerika nach Frankreich und auch dass sie von Frankreich nach Amerika importiert worden sei. Beides ist richtig, aber total verwirrend und führt zu keinem schlüssigen und ganz korrekten Ergebnis!

Reben gibt es ja auch in unkultivierter Form, das heisst, im normalen Wald und in Hecken. Bei uns, zugegeben, findet man diese sehr selten und sie ist vom Aussterben bedroht. Nicht so aber in den Ostküsten-Staaten der USA und vor allem nicht im 19. Jahrhundert.

Wissenschaftler und Botaniker nutzten damals die Erfindung des Dampfmotors, welcher auch Schiffe antreiben konnte, um seltene Pflanzen auf dem Seeweg nach Europa zu bringen. Vor allem die amerikanische Rebe «Vinis Aestivalis» wurde während dieser Zeit besonders oft eingeführt. Irgendwann in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gelangte so die Reblaus, eine Blattlaus-Verwandte, von der Ostküste der USA über London ins südliche Frankreich. Die im Wurzelwerk der Rebstöcke als blinde Passagiere gut getarnten Rebläuse überlebten die nun schnelle Überfahrt per Dampfschiff bestens und die Rebstöcke wurden ohne Bedenken gesetzt.
Bereits vor dem Dampfschifftransport wurden viele solche Reben aus den Ostküsten-Staaten nach Europa exportiert (vor allem für die Wiederanpflanzung nach der grossen Mehltau Krise 1850 in Frankreich). Nur dauerte die Überfahrt im Segelschiff viel länger und die Rebläuse gingen während dieser langen Fahrzeit ein. Die Weinbauern waren jedenfalls mit den Resultaten dieser neuen Traubensorte höchst zufrieden.
Was die Botaniker und auch die Weinbauern zu dieser Zeit nicht wussten, war, dass da im Wurzelwerk mitgereiste Rebläuse sind und dass diese dank der nun schnelleren Überfahrt per Dampfschiff überlebten, sie wussten auch nicht, dass diese Reblaus die europäischen Reben befallen und diese sehr stark dezimieren würde, und sie wussten auch nicht, dass die importierte ostamerikanische Vinis Aestivalis gegen die Reblaus resistent war! Wirklich nichtsahnend!

Die Reblaus, auf europäischem Boden angekommen, verbreitete sie sich von Südfrankreich aus invasionsartig!

Auch in Kalifornien standen zu dieser Zeit natürlich nur die wurzelechten europäischen Reben, meistens natürlich die Missionstrauben, die ursprünglich die Missionare mitgebracht und angebaut hatten und in der Folge auch von den nachfolgenden Winzern gepflegt wurden. Daneben waren aber bereits weitere europäische Reben importiert und gepflanzt worden.

Ágoston Haraszthy, der in Sonoma ein grosses Weingut besass, reiste im Auftrag der kalifornischen Regierung nach Europa, um Rebensetzlinge verschiedenster Rebsorten zusammen zu führen und mit diesen wieder nach Kalifornien zurückzukehren. Zu diesem Zeitpunkt waren an einigen Orten, die Ágoston besuchte, um Setzlinge zu erwerben, die Reblaus schön an der Arbeit. Nur bemerkt hatte es zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Und so, wiederum als «blinde Passagiere» im Wurzelwerk der Setzlinge, erreichten die Rebläuse von Südfrankreich aus Kalifornien.


Es kann also gesagt werden: Aufgewachsen an der Ostküste Nordamerikas – zuerst nach Südfrankreich gereist von dort aus weiter an die Westküste Nordamerikas.
Die Verbreitung der Reblaus begann beinahe zeitgleich hier in Europa sowie auch in Kalifornien. Da die Zeit vom Befall bis zur Diagnose ein paar Jahre dauern kann, trifft auch niemanden die Schuld. Shit Happens! 
 
Die Weinbauern wunderten sich, warum sich das Blattwerk der Reben bereits im Juli verfärbte, und warum der Ertrag so gering sei und zudem die Rebe innert vier Jahren abstarben.
Ab 1863 konnte die Reblaus nachgewiesen werden.
Diese heimtückische Reblaus knabbert die feinen Wurzeln der Reben an und versengt diese Würzelchen mit ihrem ätzenden Speichel. Die Rebe kann in der Folge nicht mehr genug Feuchtigkeit aufnehmen, verdurstet und vertrocknet.
 
Besonders hart traf es Frankreich. Zwischen 1865 und 1885 zerstörte die Reblaus grosse Teile der französischen Weinanbaugebiete, die erst 1850 nach der Mehltaukrise durch neue Reben aus Amerika ersetzt worden waren. Dies hatte katastrophale Folgen für die französische Landwirtschaft. So setzte die französische Regierung 1870 eine Kommission zur Bekämpfung der Reblaus unter Vorsitz des Chemikers Jean-Baptiste Dumas ein. Im Jahr 1885 folgte ihm Louis Pasteur als Vorsitzender, der bereits zuvor Mitglied der Kommission war. Die Bemühungen der Kommission waren aber langfristig nicht von Erfolg gekrönt, da sie die chemische Bekämpfung des Schädlings bevorzugte und nicht die Verwendung resistenter Wurzelstöcke, die vor allem in Montpellier von Jules Émile Planchon und seinen Schülern betrieben wurde.


Planchon arbeitete dabei eng mit amerikanischen Rebenzüchtern und Weinbauwissenschaftlern wie George Hussman (1827-1903), einem Professor für Landwirtschaft an der University of Missouri in Columbia, Charles Valentine Riley (1843-1895), einem staatlichen Entomologen, und dem Winzer und Rebenzüchter Hermann Jaeger (1844-1895) aus Neosho (Missouri) sowie dem texanischen Rebenzüchter Thomas Volney Munson (1843–1913) zusammen.


Die amerikanischen Winzer schickten ihm gegen die Reblaus resistente amerikanische Rebensorten, die Planchon als Unterlage für französische Edelsorten verwendete. Insgesamt wurden allein in Frankreich annähernd 2,5 Millionen Hektaren Rebfläche vernichtet. Auch das übrige Europa wurde arg in Mitleidenschaft gezogen, rund 80 % der Rebflächen wurden gesamthaft vernichtet.

Schließlich fanden Wissenschaftler heraus, dass die amerikanischen Reben resistent gegen den Speichel der Reblaus waren. Durch das Aufpfropfen der eigenen Reben auf den Wurzelstock ihres amerikanischen Verwandten fanden Winzer letztlich die einzig wirkungsvolle Schutzmassnahme. Da sich „Vinis Aestivalis“ jedoch zunächst mit dem Klima Europas anfreunden musste und das Aufpfropfen lange dauerte, dehnte sich die Reblausplage über drei Jahrzehnte aus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten europäische Winzer nur noch einen Drittel ihrer Rebbestände erhalten können. Frankreich, das besonders hart von der Reblaus getroffen wurde, litt unter einer Verringerung seiner Weinproduktion um 75 Prozent.

Über 85 % der Reben dieser Welt sind nun gepfropft, so nennt man die Verkuppelung einer amerikanischen Unterlagsrebe (Wurzelwerk und ca. 20 cm langes, fingerdickes Stämmchen), von denen es ursprünglich botanisch drei gab, Vitis riparia, Vitis rupestris und Vitis berlandieri. Der Edelrieser aus einer europäischen Edelrebe, Vitis vinifera wird auf die amerikanische Unterlagsrebe aufgepfropft. Die amerikanischen Wurzeln sind für die Rebläuse uninteressant, und so scheint die Reblausplage gebannt zu sein.


Der grösste Teil der überlebenden, sogenannten wurzelechten europäischen Kulturreben gedeiht nicht in Europa. Das einzige Land, das bis heute komplett von der Reblaus verschont und deshalb vollständig wurzelecht geblieben ist, ist Chile. Diesen glücklichen Umstand verdankt das Land seiner geographischen Abgeschiedenheit und der tatkräftigen Arbeit des Franzosen Claudio Gay. Er überredete die chilenische Regierung bereits 1830 dazu, eine eigene landwirtschaftliche Versuchsanstalt unter anderem auch für europäische Reben einzurichten. Dadurch kam Chile in den Besitz einer eigenen Vinifera-Population, noch bevor Echter Mehltau und Reblaus zu wüten begannen. Bis heute gelten in Chile besonders strenge Quarantänebestimmungen für die Einfuhr von Rebenpflanzen.

Auch gibt es in Europa sowie in den USA kleinere Rebenoasen, die diese verdammte Laus nicht gefunden hat. Ebenfalls sind in Südaustralien noch grosse Rebberge mit wurzelechten Reben vorzufinden.

Anfangs der 90er Jahre wurden viele der kalifornischen Weinberge erneut von diesen Viechern heimgesucht! Grund war, dass die Universitäten weiter an der perfekten Unterlagsrebe forschten und verschiedenste Kreuzungen der drei amerikanischen Unterlagsreben vollzogen. Eine schien nun das neue non plus ultra zu sein. Die ARX1!
Doch Sie ahnen wohl schon was kommt: Jawoll, die Reblaus hatte endlich wieder Vollbeschäftigung! Es entstanden Milliardenschäden!
Das einzig Gute daran war aber, dass einige Fehlanpflanzungen, vor allem mit zu schweren Chardonnay Klonen, die den kalifornischen Chardonnay Wein in Verruf brachten, korrigiert werden konnten. Seither sind die Chardonnays schlanker, länger im Abgang und nicht selten auch mineralisch. Da eine Universität diese ARX1 Unterlagsrebe empfahl, konnte niemand für die Schäden in Kalifornien haftbar gemacht werden.

Die Reblaus als solches.

Auf Grund unterschiedlicher Verhaltensweisen gegenüber den Weinreben hat man festgestellt, dass es verschiedene Biotypen der Reblaus gibt. Je nach Autor werden für die Biotypen unterschiedliche Benennungen der Biotypen gebraucht (Biotyp, Performance Type, Strain, Superclone). In Kalifornien wird zwischen den zwei Reblausbiotypen A und B unterschieden, die sich in ihrer Aggressivität gegenüber der Unterlagensorte A×R 1 (Vitis vinifera (Aramon) × Vitis rupestris) unterscheiden.

Die Reblaus weist die anatomischen Merkmale aller Insekten auf. Im Gegensatz zu anderen Blattläusen fehlen ihr Wachsdrüsen, mit denen sie sich gegen Angreifer verteidigen könnte. Ausserdem sind die Flügel der Reblaus steil aufgestellt. Zwischen den einzelnen Formen der Reblaus gibt es auch Unterschiede: Bei den Wurzelrebläusen (Radicicolae) sind lediglich weibliche Tiere mit einer Maximalgröße von 1,35 mm vorhanden, die eine gelbe oder bräunlichgrüne Färbung aufweisen. Die weiblichen, geflügelten Reblausfliegen (Sexuparae) sind ungefähr 1 mm gross und gelbgrün bis ockerfarbig. Männliche Geschlechtstiere (Sexuales) haben eine Lebenserwartung von bis zu acht Tagen, sind 0,28 mm gross und weisen eine gelbliche Färbung auf. Die Weibchen sind mit 0,5 mm etwas grösser, ihre Färbung ist etwas heller als die der Männchen. Weder Männchen noch Weibchen haben einen Rüssel; sie können somit keine Nahrung aufnehmen. Die Maigallenläuse (Fundatrix) sind nach vier Häutungen erwachsen und weisen eine Grösse zwischen 1 und 1,25 mm auf.

Der Lebenszyklus der Reblaus ist sehr komplex, denn sie vollzieht einen holozyklischen Wirtswechsel zwischen Rebstock und Rebwurzel. Einige Wurzelläuse entwickeln sich im Spätherbst zu Nymphen mit Flügelansätzen. Die Nymphen verlassen den Boden und entwickeln sich zu geflügelten Rebläusen, den Reblausfliegen. Nun beginnt der oberirdische Entwicklungskreislauf. Die Reblausfliegen legen kleine männliche und grosse weibliche Eier an der Rinde des Rebstocks ab. Daraus schlüpfen die rüssellosen Geschlechtstiere (Sexuales), welche sich paaren. Die begatteten Weibchen legen je ein befruchtetes Winterei (0,27 × 0,13 mm) in eine Rindenritze des zwei- bis dreijährigen Holzes. Aus diesen Wintereiern schlüpfen im Frühling die Maigallenläuse (Fundatrix), die hauptsächlich an den Blättern von amerikanischen Reben Blattgallen ausbilden und dort bis zu 1200 Eier legen. Der krugförmige Gallenkörper befindet sich an der Blattunterseite, die Öffnung an der Blattoberseite. Es gibt wiederum zwei Arten von Larven, die nach acht bis zehn Tagen in den Gallen schlüpfen. Die einen bilden erneut Blattgallen, vor allem an jüngeren Blättern. Die anderen, die sich von den erstgenannten auch äusserlich unterscheiden, sind blattgeborene Wurzelläuse und suchen die Rebenwurzeln im Boden auf. Dort ergänzen sie den unterirdischen Entwicklungszyklus oder beginnen ihn neu. Die Anzahl derer, die zum Nebenwirt wandern, nimmt mit jeder Larvengeneration zu, bis schliesslich alle an der Wurzel im Boden sind. Sie machen sich jedoch nicht sofort über die Wurzeln her, sondern wandern erst in noch tiefere Bodenschichten, wo sie überwintern. Im folgenden Frühjahr suchen sie junge Rebenwurzeln, um Nahrung aufzunehmen und ihre Entwicklung zu eierablegenden Weibchen abzuschließen. In den Wurzelbereichen ist die ständige eingeschlechtliche Fortpflanzung durch die auf dem Nebenwirt überwinternden Larven (Hiemales) möglich. Einige der Wurzelläuse entwickeln sich wieder zu Reblausfliegen, die wiederum aus der Erde kommen und den oberirdischen Kreislauf beginnen. Nur im oberirdischen Kreislauf entstehen Nachkommen mit neuem Erbgut, da es lediglich dort Männchen und Weibchen gibt. Diese Nachkommen können ein anderes Verhalten als die Blatt- und Wurzelläuse, die eingeschlechtlich entstanden sind, aufweisen. Aufgrund der niedrigeren Temperaturen im mitteleuropäischen Raum (ausser im klimatisch wärmeren Südwesten) ist die Fortpflanzung hauptsächlich eingeschlechtlich (anholozyklisch).